„Um die Kultur muss niemand Angst haben“

Datum: So, 14.02.2021
Quelle: Kleine Zeitung - Kultur

64 | Kul­tur Sonn­tag 14. Fe­bru­ar 2021 | Kleine Zeitung
An­drea Mayer zur Lage der Kul­tur­bran­che: „Habe die Ver­glei­che schon ein biss­chen satt“
(Das Bild von Andrea Mayer können wir nicht hier zeigen, da wir sonst der APA Lizenzgebühr zahlen müssen….)

„Um die Kultur muss niemand Angst haben“
Kunst- und Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin An­drea Mayer über un­halt­ba­re Ter­mi­ne, die Dis­zi­plin des Pu­bli­kums und die pra­xis­taug­li­che Wie­der­er­öff­nung des Kul­tur­be­triebs.
Von Ute Baum­hackl

100Tage har­ter Lock­down für Thea­ter, Kino, Mu­sik­le­ben. Gibt es schon Per­spek­ti­ven für ein Ende des Still­stands?
AN­DREA MAYER: Das Kul­tur­le­ben ist ja nie wirk­lich still­ge­stan­den, die Bran­che lässt sich vom Strea­m­ing bis zur On­line-Aus­stel­lung viel ein­fal­len. Und man kann wie­der Mu­se­en, Ga­le­ri­en, Bi­blio­the­ken, Bü­che­rei­en be­su­chen. Dazu hat die Re­gie­rungs­spit­ze mit dem Ge­sund­heits­mi­nis­ter ja an­ge­kün­digt, dass man am 15. Fe­bru­ar die nächs­ten Schrit­te be­kannt geben wird. Wir alle wis­sen, dass die Si­tua­ti­on auf­grund der Mu­ta­tio­nen sehr schwie­rig ist. Ich bin daher nicht ra­send op­ti­mis­tisch, was eine Wie­der­er­öff­nung in zwei Wo­chen an­geht.

Trotz der be­währ­ten Prä­ven­ti­ons­kon­zep­te im Kul­tur­be­trieb?
Ich weiß, die Kul­tur­be­trie­be wären für die Wie­der­er­öff­nung be­reit. Und wir haben von Som­mer bis Herbst ge­se­hen, wie gut die Prä­ven­ti­ons­kon­zep­te funk­tio­niert haben. Aber man muss die Sicht aufs große Ganze be­wah­ren. Der 1. März – ich glau­be, das wird schwer. Aber ich möch­te das Pres­se­ge­spräch am Mon­tag nicht vor­weg­neh­men, das ist nur meine Ein­schät­zung auf­grund der Ge­samt­dis­kus­si­on.

Ist an­ge­sichts lau­fen­der Ski­lif­te und ge­öff­ne­ter Kir­chen ar­gu­men­tier­bar, dass man sich in einer Gon­del oder Kir­chen­bank we­ni­ger leicht an­steckt als in einem Thea­ter­saal mit Co­ro­na­be­stuh­lung und Maske?
Ich ver­ste­he die Frage, aber muss sagen, dass ich diese Ver­glei­che schon ein biss­chen satt­ha­be. Es wird immer Dinge geben, die man schwer er­klä­ren kann. Die Grund­la­gen sind nicht immer ver­gleich­bar. Ich kämp­fe je­den­falls dafür, dass die Kul­tur die best­mög­li­chen Be­din­gun­gen für die Öff­nung be­kommt.

Gibt es einen Plan für ein ge­ord­ne­tes, schritt­wei­ses Vor­ge­hen bei der Öff­nung?
Na­tür­lich, wir ar­bei­ten ge­mein­sam mit der Kul­tur­bran­che und dem Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um am Wann und Wie. Es gibt da auf bei­den Sei­ten viel Ver­ständ­nis und Ak­zep­tanz. Und mir ist wich­tig, dass wir pra­xis­taug­lich öff­nen, nicht mit 20, 50 oder 100 Leu­ten im Pu­bli­kum bei ex­trem ge­rin­ger Aus­las­tung.

Wel­che Be­rei­che mei­nen Sie?
Wir reden – auf Basis der be­reits funk­tio­nie­ren­den Prä­ven­ti­ons­kon­zep­te mit dem Nach­weis eines ne­ga­ti­ven Co­ro­na­tests, FFP-Mas­ken usw. – im ers­ten Öff­nungs­schritt von Ver­an­stal­tun­gen mit zu­ge­wie­se­nen Sitz­plät­zen. Für Ver­an­stal­tun­gen mit Steh­plät­zen wird es noch län­ger schwie­rig sein.

In an­de­ren Län­dern flan­kie­ren Be­gleit­maß­nah­men die Wie­der­er­öff­nungs­schrit­te: Kam­pa­gnen, Event­schie­nen, Mar­ke­ting­pro­jek­te – was ist im hei­mi­schen Kul­tur­ge­sche­hen ge­plant? Auch zur Ver­trau­ens­bil­dung fürs Pu­bli­kum?
Na­tür­lich ist es wich­tig, aufs Pu­bli­kum zu schau­en. Eine Kam­pa­gne, um die Leute zu mo­ti­vie­ren, Kul­tur­er­leb­nis­se wie­der wahr­zu­neh­men, ist da si­cher eine über­le­gens­wer­te Mög­lich­keit. Ich glau­be, vom Si­cher­heits­as­pekt wer­den die auch keine Ge­fahr dar­stel­len. Wir haben ge­lernt gut auf uns und auf­ein­an­der zu schau­en, und ge­ra­de das Kul­tur­pu­bli­kum ist ja sehr dis­zi­pli­niert und ver­ständ­nis­voll.

Ver­an­stal­ter, die über­le­gen, nach Ende des Lock­downs aus Ka­pa­zi­täts- oder Ren­ta­bi­li­täts­grün­den mit dem Auf­sper­ren noch zu­zu­war­ten, äu­ßern immer wie­der die Be­fürch­tung, dass ihnen För­de­run­gen aus­fal­len oder dass sie Gel­der zu­rück­zah­len müss­ten.
Das wurde schon vo­ri­ges Jahr klar­ge­stellt, dass keine För­de­run­gen ein­be­hal­ten wer­den. Sonst gehen die Be­trie­be ja ein, und wir wol­len das Ge­gen­teil er­rei­chen, näm­lich, dass die Kul­tur­be­trie­be durch die Krise kom­men. Und wir haben neben den Un­ter­stüt­zungs­maß­nah­men etwas in­ter­na­tio­nal Ein­zig­ar­ti­ges ge­schaf­fen – schnel­le und un­bü­ro­kra­ti­sche Un­ter­stüt­zung für frei­schaf­fen­de Künst­le­rIn­nen. Al­lein für sie haben wir, un­ab­hän­gig vom Här­te­fall­fonds, bis jetzt schon fast 100 Mil­lio­nen Euro aus­schüt­ten kön­nen. Und mit dem neuen In­stru­men­ta­ri­um des Ver­an­stal­ter­schutz­schirms wol­len wir zu Pla­nun­gen für 2021 mo­ti­vie­ren. Da haben sich schon we­ni­ge Tage nach Be­ginn mehr als 30 Ver­an­stal­ter aus dem Kul­tur­be­reich ge­mel­det. Wir wer­den alle För­de­run­gen auch heuer wei­ter aus­be­zah­len, und es ist uns sogar ge­lun­gen, für 2021 eine deut­li­che Bud­get­erhö­hung zu er­rei­chen. Un­ab­hän­gig von Co­ro­na kom­men 30 Mil­lio­nen Euro zum re­gu­lä­ren Kul­tur­bud­get hinzu. Eine sol­che Bud­get­erhö­hung gab es seit Jahr­zehn­ten nicht.

Wofür ver­wen­den Sie das Geld?
Wir kön­nen damit etwa die Künst­lers­ti­pen­di­en er­hö­hen, wir er­stel­len eine För­der­schie­ne für in­no­va­ti­ve Pro­jek­te, wir pla­nen Groß­pro­jek­te und Groß­auf­trit­te wie Ös­ter­reichs Gast­land-Auf­tritt bei der Leip­zi­ger Buch­mes­se.

Wie viel Geld gab es bis­her für alle Maß­nah­men und Hilfs­pro­jek­te im Kunst- und Kul­tur­be­reich?
Zu­sätz­lich zum re­gu­lä­ren Kunst- und Kul­tur­bud­get von rund 466 Mil­lio­nen Euro im Jahr 2020 haben wir rund 250 Mil­lio­nen in die Un­ter­stüt­zungs­maß­nah­men für Kul­tur­be­trie­be und Künst­le­rIn­nen in die Hand ge­nom­men. Da sind die brei­ten Wirt­schafts­hil­fen, die für alle Be­rei­che gel­ten, wie Kurz­ar­beit, Här­te­fall­fonds, Um­satzer­satz oder Fix­kos­ten­zu­schuss noch nicht mit ein­ge­rech­net. Aber das steht nicht nur im öko­no­mi­schen Zu­sam­men­hang: Die Kunst ist ein Wert an sich, des­halb ist es wich­tig, hier in die­ser schwe­ren Zeit zu in­ves­tie­ren.

Und das lässt sich alles be­zah­len und bud­ge­tär durch­hal­ten?
Diese Mit­tel sind mit dem Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ak­kor­diert. Was wäre die Al­ter­na­ti­ve? Ge­schlos­se­ne Kul­tur­be­trie­be, Künst­le­rIn­nen, die ihren Beruf auf­ge­ben. Das wäre ein viel grö­ße­rer Scha­den.

Ich frage, weil schon zu lesen war, dass an­ders­wo Mu­se­en über­le­gen, kost­ba­re Werke aus ihren Samm­lun­gen zu ver­kau­fen, um Be­trieb und Per­so­nal­stand auf­recht­er­hal­ten zu kön­nen.
Das kann in Ös­ter­reich nicht pas­sie­ren. Auch daran zeigt sich, dass wir eine Kul­tur­na­ti­on sind. In allen Län­dern, die keine öf­fent­li­che Kul­tur­fi­nan­zie­rung haben und nur auf pri­va­te Mä­ze­ne set­zen, ist die Lage jetzt schwie­ri­ger. In den USA gibt es Künst­le­rIn­nen, die jetzt bei Ama­zon ar­bei­ten, weil sie seit 17. März kei­nen Dol­lar mit der Kunst ver­dient haben. Daran kann man sehen, dass es gut ist, als Künst­ler hier zu leben.

Bei allem Re­spekt, Kul­tur­po­li­tik be­steht, so wich­tig das für die Künst­le­rIn­nen der­zeit auch ist, ja nicht nur darin, sie fi­nan­zi­ell zu un­ter­stüt­zen. Son­dern auch in einer Idee, wie man nebst den Künst­le­rIn­nen auch die Küns­te un­ter­stützt. Was pla­nen Sie an kul­tur­po­li­ti­schen Ak­zen­ten?
Gute Kul­tur­po­li­tik, wie ich sie ver­ste­he, schafft gute Rah­men­be­din­gun­gen, damit sich Kunst und Kul­tur in ihrer gan­zen krea­ti­ven Kraft ent­fal­ten kön­nen. Auch da geht es um die rich­ti­gen För­der­schie­nen. Eine davon wird sich mit neuen, in­no­va­ti­ven Pro­jek­ten und Kunst­for­men be­fas­sen, weil ich nicht möch­te, dass wir in un­se­rem För­der­ka­ta­log, der von tra­di­tio­nel­len Kul­tur­bran­chen ge­prägt ist, etwas über­se­hen oder dass da etwas ver­lo­ren geht. Wir wol­len ös­ter­rei­chi­sche Künst­le­rIn­nen mit der Welt ver­net­zen. Und wie im Re­gie­rungs­pro­gramm steht, wer­den wir eine Kunst- und Kul­tur­stra­te­gie er­ar­bei­ten. Das ist ja jetzt fast eine pro­phy­lak­ti­sche Auf­ga­be, denn ich denke, wir wer­den diese Stra­te­gie stark da­hin­ge­hend aus­rich­ten: Was haben wir aus die­ser Pan­de­mie ge­lernt? Was wol­len wir in Zu­kunft ma­chen, was nicht mehr? Was lässt sich aus den po­si­ti­ven Ne­ben­wir­kun­gen wie der en­ge­ren Zu­sam­men­ar­beit im Kul­tur­be­reich ler­nen? Un­ab­hän­gig von Co­ro­na haben wir ge­mein­sam mit den Bun­des­län­dern und den In­ter­es­sens­ver­tre­tun­gen der Kul­tur einen Fair-Pay-Pro­zess auf die Beine ge­stellt und wer­den noch heuer erste kon­kre­te Maß­nah­men für ver­bes­ser­te Ar­beits­be­din­gun­gen im Kul­tur­be­reich vor­le­gen. Wenn sich der Bund und alle Bun­des­län­der daran hal­ten und das ge­mein­sam um­set­zen, kön­nen wir da viel er­rei­chen.

Was sagen Sie Kri­ti­kern, die den­noch den Ein­druck haben, dass bei Re­gie­rungs­ent­schei­dun­gen die Kul­tur nicht aus­rei­chend be­rück­sich­tigt wird?
Es muss nie­mand Angst haben, dass die Kul­tur in Ös­ter­reich ge­ring ge­schätzt wird. Es gibt große Wert­schät­zung dafür, was die Kul­tur in die­ser Zeit für Ös­ter­reich leis­tet, und es ist bei allen Öff­nungs­schrit­ten ge­lun­gen, dass die Kul­tur vor­kommt. Dafür stehe ich. Seit dem Spät­herbst ist klar, dass die Mu­se­en immer dann öff­nen, wenn der Han­del öff­net, und dass Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen immer aus­rei­chend wert­ge­schätzt sind und mit­ge­dacht wer­den, wenn es um die nächs­ten Öff­nungs­schrit­te ge­mein­sam mit der Gas­tro­no­mie und dem Tou­ris­mus geht. Und auch wenn die Lage schwie­rig ist und wir Auf­trit­te durch noch so viele Hilfs­maß­nah­men nicht er­set­zen kön­nen, gibt es das ehr­li­che Be­mü­hen, Schrit­te mög­lich zu ma­chen, so­bald das im Ge­samt­zu­sam­men­hang um­setz­bar ist.

Wäre es auch denk- oder mach­bar, dass die Kul­tur mit ihrer be­währ­ten Prä­ven­ti­ons­struk­tur auch ein­mal bei­spiel­haft vor­an­geht – und nicht nur im Takt mit Gas­tro­no­mie und Tou­ris­mus?
Als Kunst und Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin ist für mich vie­les vor­stell­bar.

Aber wie wäre es um­setz­bar? Gibt’s dazu mor­gen De­tails?
Wir wer­den sehen.


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Mil­lio­nen Euro be­trug das Kul­tur­bud­get bis­her, nun wurde es um 30 Mil­lio­nen Euro auf­ge­stockt. 250 Mil­lio­nen flos­sen seit Be­ginn der Co­ro­na­kri­se in die Un­ter­stüt­zung der Kul­tur­bran­che, 95 Mil­lio­nen an Frei­schaf­fen­de.

Zur Person
An­drea Mayer, geb. 1962 in Am­stet­ten. Stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, Ge­schich­te, Recht. Sek­ti­ons­che­fin im Kunst- & Kul­tur­mi­nis­te­ri­um, zu­letzt Ka­bi­netts­di­rek­to­rin des Bun­des­prä­si­den­ten. Kunst- und Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin seit Mai 2020.

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