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LIESSMANN – Die Zumutungen der Demokratie

Datum: Fr, 06.11.2020
Quelle: Kleine Zeitung, Politik

Das Co­ro­na­vi­rus, so sagte die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel im Som­mer, sei eine de­mo­kra­ti­sche Zu­mu­tung. Die­ser Satz wurde, wie die meis­ten Sätze der Kanz­le­rin, ak­kla­miert und gerne zi­tiert. Dass er falsch war und ist, stör­te nie­man­den. Das Virus ist vorab eine Zu­mu­tung für die Ge­sund­heit der Men­schen, dann für die Ge­sund­heits­sys­te­me einer Ge­sell­schaft. Die tem­po­rä­ren Maß­nah­men, die ge­trof­fen wer­den, um die Pan­de­mie ein­zu­däm­men, mögen an­ge­mes­sen oder über­zo­gen, in­kon­sis­tent oder epi­de­mio­lo­gisch frag­wür­dig, not­wen­dig oder ver­fehlt sein, aber da­durch wur­den weder die Rah­men­be­din­gun­gen des Par­la­men­ta­ris­mus oder des Rechts­staa­tes noch die Grund­rech­te aus­ge­he­belt oder in­fra­ge ge­stellt.

Was im Fall einer Krank­heit für jeden Ein­zel­nen gilt und frag­los ak­zep­tiert wird, gilt in einer Pan­de­mie al­ler­dings für die Ge­mein­schaft schlecht­hin: Ge­wohn­te Le­bens­voll­zü­ge wer­den un­ter­bro­chen, das Kon­sum- und Frei­zeit­ver­hal­ten kann nicht bruch­los fort­ge­setzt wer­den, die Pro­duk­ti­vi­tät sinkt, die ne­ga­ti­ven so­zia­len und psy­chi­schen Fol­gen kön­nen gra­vie­ren­der sein als die Aus­wir­kun­gen der Krank­heit selbst. Doch all diese Ef­fek­te und die Frage nach Re­geln, die un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen be­rück­sich­ti­gen, stel­len für die De­mo­kra­tie keine Zu­mu­tung dar. Wäre dies der Fall, un­ter­stell­te man, dass diese nur bei Schön­wet­ter funk­tio­nie­ren kann. Nein, die de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten In­sti­tu­tio­nen sind sehr wohl in der Lage, die Rah­men­be­din­gun­gen für ein ge­sund­heits­po­li­ti­sches Kri­sen­ma­nage­ment zu de­fi­nie­ren und zu kon­trol­lie­ren.

Die Ver­wechs­lung von zwei­fel­los höchst un­an­ge­neh­men und öko­no­misch pre­kä­ren Re­strik­tio­nen mit der Ein­schrän­kung po­li­ti­scher Rech­te war ein Denk­feh­ler, der diese Krise von An­fang an be­glei­te­te. Dass viele Ver­ord­nun­gen und Ge­set­ze wegen ju­ris­ti­scher Be­den­ken wie­der auf­ge­ho­ben wer­den muss­ten, do­ku­men­tiert das Funk­tio­nie­ren des Rechts­staa­tes ge­ra­de in einer dra­ma­ti­schen Si­tua­ti­on. Durch Aus­gangs­be­schrän­kun­gen wird nie­man­dem das Wahl­recht ent­zo­gen, und das höchs­te Gut einer li­be­ra­len Ge­sell­schaft, die Frei­heit der Mei­nung, ist durch Co­ro­na nicht in­fra­ge ge­stellt wor­den.

Nicht die Viren, sehr wohl aber die Ter­ror­ak­te, die in den letz­ten Wo­chen Eu­ro­pa er­schüt­ter­ten und erst­mals auch in Wien meh­re­re To­des­op­fer for­der­ten, stel­len eine de­mo­kra­ti­sche Zu­mu­tung dar. Im Ge­gen­satz zum Virus, das po­li­ti­schen Ver­fasst­hei­ten ge­gen­über gleich­gül­tig ist, zielt die is­la­mis­ti­sche Ge­walt di­rekt auf das Herz einer sä­ku­la­ren und li­be­ra­len Ge­sell­schafts­ord­nung. Für die De­mo­kra­tie be­deu­tet dies eine dop­pel­te Zu­mu­tung: Die Me­tho­den im Kampf gegen ter­ro­ris­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten be­rüh­ren ei­ner­seits tat­säch­lich grund­le­gen­de Prin­zi­pi­en des Rechts­staa­tes, an­de­rer­seits er­he­ben sich immer wie­der Stim­men, die eine vor­aus­ei­len­de Selbst­zen­sur for­dern, um den ra­di­ka­len Is­la­mis­mus zu be­sänf­ti­gen. Wer dar­über nach­denkt, ob es nicht bes­ser wäre, die Frei­heit der Kunst zu be­schnei­den, um re­li­giö­se Ge­füh­le nicht zu be­lei­di­gen, wer aus Angst, als is­la­mo­phob zu gel­ten, die Augen vor den au­to­kra­ti­schen Macht­an­sprü­chen des po­li­ti­schen Islam ver­schließt, rührt tat­säch­lich an den Fun­da­men­ten der of­fe­nen Ge­sell­schaft.

Das me­dia­le In­ter­es­se an der Bio­gra­fie und men­ta­len Dis­po­si­ti­on des At­ten­tä­ters er­fasst nur eine Seite des Pro­blems. Die an­de­re be­steht darin, dass es Men­schen gibt, die zwar hier leben und leben wol­len, aber in der west­li­chen Le­bens­form, zu der die De­mo­kra­tie un­be­dingt ge­hört, eine of­fen­bar un­er­träg­li­che Zu­mu­tung sehen. Man soll­te diese Form der po­li­ti­schen Feind­schaft ernst neh­men und nicht durch allzu viel Psy­cho­lo­gie und naive De­ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­gram­me über­blen­den.

Kon­rad Paul Liess­mann lehrt Me­tho­den der Ver­mitt­lung von Phi­lo­so­phie und Ethik an der Uni­ver­si­tät Wien

Kulturpresse

So, 18.10.2020, Kleine Zeitung (Ktn) - Seite 62 - An­dre­as Ka­natsch­nig

Der nahe Tod der Kärnt­ner Club-Sze­ne

Es tropft dein feuch­ter Blick auf mein Ver­lan­gen.“ Die­ses von „Bil­der­buch“-Mas­ter­mind Mau­rice Ernst be­sun­ge­ne Ver­lan­gen lässt sich auf den Hun­ger nach der guten Musik im trü­ben Co­ro­na-All­tag um­le­gen. Vor ei­ni­gen Jah­ren schon gab die Band im Kla­gen­fur­ter Club „ste­reo“ ein ful­mi­nan­tes Kon­zert. Wenn man die­ser Tage ver­nimmt, dass der „ste­reo“-Club in Kla­gen­furt vor der Ent­schei­dung […]