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Drohungen halten mich nicht auf

Datum: Do, 17.04.2014
Quelle: Kleine Zeitung, Kultur

#Vor 1,5 Jahren war Boualem Sansal auf Vermittlung von Heimo Steps im raj zu Gast. Wir hoffen, dass das heuer wieder der Fall sein wird.

Von vielen verehrt, in der Heimat angefeindet: Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal über seinen unermüdlichen Kampf gegen die Intoleranz.

Bücher wie der Roman „Rue Darwin” (deutsch bei Merlin, 2012) oder der islamkritische Essay „Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert” (Merlin, 2013) haben international für Aufsehen gesorgt. Seit 2006 ist der algerische Schriftsteller Boualem Sansal in seiner Heimat mit Berufs- und Publikationsverbot belegt. Unlängst erhielt er im Simon Wiesenthal Center in Los Angeles die „Medal of Valor” für „mutiges Engagement für Toleranz und Freundschaft zwischen den Religionen” – die Ehrung war Anlass für ein Gespräch.

Sie sind 2012 nach Israel gereist und bereiten derzeit für den UNESCO-Sitz in Paris ein Ausstellungsprojekt über die jüdische Kultur vor. Beides hat in der arabischen Welt heftige Reaktionen ausgelöst. BOUALEM SANSAL: Ich habe nur gemacht, was mir gut und richtig erschien. Ich habe über die Schoah geschrieben. Ich bin nach Israel gefahren, weil ich es für wichtig halte, dass arabische und israelische Intellektuelle miteinander reden. So habe ich David Grossman getroffen, und wir haben eine Friedensinitiative lanciert. Zahlreiche Autoren aus der ganzen Welt haben unseren „Strassburger Appell” unterzeichnet.

Ihnen brachte das Schwierigkeiten ein.

SANSAL: Wenn man sich engagiert, engagiert man sich, man schreckt nicht zurück vor Beschimpfungen und Drohungen. Ich bin nach Israel gefahren trotz der Verurteilung der Hamas, die den Palästinensern und Arabern nichts anderes zu bieten hat als Elend, Krieg und Terrorismus.

Wie entwickelt sich Ihre mit David Grossman gegründete „Weltweite Vereinigung von Schriftstellern für den Frieden”?

SANSAL: Derzeit arbeiten wir an einem Buch über den Frieden – mit Autoren wie Orhan Pamuk, Herta Müller, Janne Teller, David Grossman, Liao Yiwu, Tidiane N’Diaye und mir selbst.

Die arabische Welt ist voller Konflikte. Was könnte nach dem „Arabischen Frühling” eine realistische Entwicklung sein, die zu einer wirklichen Verbesserung für die Bevölkerung führt?

SANSAL: Meiner Meinung nach wird der „Arabische Frühling” falsch analysiert. Er ist vor allem eine Revolte gegen die Gewalt und die Korruption der herrschenden Mächte. Der Wunsch nach Demokratie in unseren Ländern wird nur von einer Minderheit in der Bevölkerung getragen, dem kultivierten städtischen Kleinbürgertum.

Sie werden in Ihrer Heimat öffentlich diffamiert. Wie leben Sie unter diesen Bedingungen?

SANSAL: Tatsächlich stärken mich die Angriffe in der arabischen Meinung. Für mich ist es wichtig, in Algerien zu bleiben, obwohl es nicht bequem ist. Oft kritisiere ich das Schweigen der arabischen Intellektuellen, die in freien Ländern leben. Ich verstehe ihre Zurückhaltung nicht. Sie haben Möglichkeiten zu demonstrieren, die öffentliche Meinung zu mobilisieren. Sie könnten uns wirklich helfen, wenn sie wollten.

INTERVIEW: HEIMO STEPS

Kulturpresse