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Zum leben zu wenig

(Lukas Sustala, DER STANDARD,
10./11.3.2012)
Umschuldung Griechenlands

Zum Leben zu wenig

Erst der nächste Akt wird weisen, ob es für Griechenland ein Happy End gibt

Tosender
Beifall, stehende Ovationen, auch das gibt es bei griechischen
Tragödien. Die Umschuldung Athens ist Donnerstagnacht über die Bühne
gegangen. Dass die privaten Gläubiger, gerade die Großbanken und
Versicherungen, dem Land derart reibungslos mehr als die Hälfte seiner
Schulden erlassen haben, hat Europas Wirtschaftspolitiker und
Bankmanager sichtlich erleichtert. Für die erste Reihe fußfrei in der
griechischen Tragödie haben die Gläubiger immerhin 100 Milliarden Euro
gezahlt. Doch der Vorhang in Athen ist noch nicht gefallen.

Denn der Schuldenschnitt ist kein Deus ex Machina für Athen. Erst der
nächste Akt wird weisen, ob es für Griechenland ein Happy End gibt.
Dazu braucht es Reformen, Wachstum, aber auch Einsicht der EU-Partner.

Denn die Realität hat die Wirtschaftsprognosen, auf denen das zweite
Rettungspaket für Griechenland fußt, überholt. Der heftige Aderlass der
Volkswirtschaft hat die reale Wirtschaftsleistung bereits um 17,3
Prozent abstürzen lassen. Die internationalen Geldgeber haben den
Stöpsel gezogen, und die Geldmenge in dem Land ist um 26 Prozent seit
2009 gefallen. Dass Griechenland, wie von der EU erhofft, diese
Depression rasch hinter sich lassen kann, bezweifeln nicht nur Ökonomen.
Die Preise für die neuen Staatsanleihen, die Investoren im Zuge der
Umschuldung erhalten, werden schon mit hohen Abschlägen gehandelt.

Es gibt eine Menge Fallstricke für die Herkulesaufgabe der
hellenischen Budgetsanierung. Die Troika aus Währungsfonds, EU und
Europäischer Zentralbank setzt darauf, dass Griechenland ab 2014 bereits
einen primären Budgetüberschuss von mehr als vier Prozent
erwirtschaften wird und dieses hohe Niveau bis 2020 hält. Das wäre
selbst für Budget-Wunderknaben mit AAA-Bonität sehr ambitioniert. Ein
Konjunkturabschwung ist für die nächsten acht Jahre dabei gar nicht
einkalkuliert.

Dafür hofft die Troika auf Privatisierungserlöse von 50 Milliarden
Euro bis 2015. Diese hohen Erwartungen lassen viel Raum für
Enttäuschungen. Allein dieses Jahr wird das Privatisierungsziel wohl um
sechs Milliarden Euro unterschritten.Dazu kommt die politische
Unsicherheit. Die Parlamentswahlen Ende April werden den Unmut der
Bevölkerung zum Ausdruck bringen. Eine neue Regierung könnte einem neuen
Wählerauftrag entsprechen und versuchen, die jüngsten Maßnahmenpakete
wieder aufzuschnüren.

Die Reformen, um die griechische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken,
gehen in die richtige Richtung. Doch die Ziele der Troika werden sich
als zu hoch entpuppen. Wenn Athen erneut an den Troika-Kriterien
scheitert und ein drittes Hilfspaket braucht, werden die EU-Partner
nicht darum herumkommen, selbst in die Tasche zu greifen. Dann müssen
auch die öffentlichen Gläubiger einen Teil von Athens Schulden erlassen.
Die Länder der Eurozone sind nicht Zuschauer in der griechischen
Tragödie, sondern die Hauptdarsteller. Sie müssen sich entscheiden, ob
die Theatergruppe bestehen bleibt.

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