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JOSEF WINKLER

Hungerstreik mit Erwin P.
(Der Standard vom 14/15/16. August 2009)


Kärnten
– ein Land in dem die Idylle trügt: Josef Winkler in einer Szene aus
dem Film von Michael Pfeifenberger, „Der Kinoleinwandgeher“.


„Nich
einmal das Lieblingsbuch des Hauptmanns von Niederösterreich, Ihres
Onkels Erwin, den “Schatz im Silbersee“, können sich die Kinder und
Jugendlichen in einer Stadtbibliothek ausleihen, denn es gibt sage und
schreibe in Klagenfurt seit nun fast vier Jahrzehnten keine eigenen
Stadtbibliothek. Das ist in Mitteleuropa einzigartig.“

In
seiner Eröffnungsrede zum Bachmannpreis brandmarkte der Autor Josef
Winkler Fehlleistungen der Kärntner Politik. In Ausweitung der Anklage
folgt ein offener Brief an Finanzminister Josef Pröll


Sehr geehrter Herr Vizekanzler!

Der
ehemalige Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider und Ihr Kärntner
Filialleiter der „christlichen“ und auch noch „sozialen“ Volkspartei,
Josef Martinz, haben im Jahre 2008 beim Verkauf der Kärntner Hypo-Bank
einem Villacher Steuerberater für seine „zweimonatige mündliche
Beratung“ einen Honorar in der Höhe von 6 Millionen Euro (88 Millionen
Schilling) aus Landesvermögen zugeschanzt. Dieser Steuerberater ist
appetitlicherweise auch seit Jahrzehnten der persönliche Geldberater
der Familie Martinz.

Für mich ist es völlig unverständlich, dass
in einem Rechtsstaat, in einer Demokratie und – hoffentlich – in einem
„Sozial-Staat“, in dem wir noch leben, in einem Land mit 560.000
Einwohnern, drei Personen, nämlich der Verstorbene, der Kärntner
ÖVP-Vorsitzende und ein Steuerberater über einen Geldbetrag, der dem
Land, also den Menschen dieses Landes gehört, in der Höhe von 6
Millionen Euro verfügen können.

Ihr röm.-kath. Filialleiter, der
vor einem Jahr einen schweren Verkehrsunfall überlebt und nach seiner
Genesung im Freundeskreis demutsvoll erzählt hat, dass ihm, um seine
Worte zu gebrauchen, die „Lourdes-Mitzi“ bei diesem Unglück das Leben
gerettet hat, und der, anstatt Buße zu tun, das ganze Geld zu Papst
Benedikt XVI., der täglich den Herrgott bei den Füßen herunterziehen
muss, nach Rom trägt, oder diese 6 Millionen Euro der Aus- und
Weiterbildung von Kindern und Jugendlichen, den zukünftigen Wählern, in
Kärnten zur Verfügung zu stellen, hat die 6 Millionen Euro über die
Köpfe von über einer halben Million Menschen hinweg, gemeinsam mit dem
Verstorbenen, einem treuen Bekannten seiner Familie überreicht, dabei,
Herr Vizekanzler, können sich die Kinder und Jugendlichen nicht einmal
das Lieblingsbuch des Landeshauptmannes von Niederösterreich, Ihres
Onkels Erwin, den Schatz im Silbersee in einer Stadtbibliothek
ausleihen, denn es gibt sage und schreibe in Klagenfurt seit nun fast
vier Jahrzehnten keine eigene Stadtbibliothek. Das ist in Mitteleuropa
einzigartig!

„Es waren zwei arbeitsreiche Monate!“

Dieser
so großzügig begünstigte Steuerberater hat den Erhalt dieser sechs
Millionen Euro mit diesen unverschämten, die arbeitende und Steuer
zahlende Bevölkerung dieses Landes verhöhnenden Worten begründet und
verteidigt: „Es waren zwei arbeitsreiche Monate!“

Das ist nach
wie vor in Kärnten Gesprächstoff, in der Presse und in der Bevölkerung.
Auch die internationale Presse hat mit Erstaunen darüber berichtet nach
meiner Eröffnungsrede im vergangenen Juni beim
Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wo ich auch diese Ungeheuerlichkeiten
aufgezählt habe. Diese Rede hätte ich dem ehemaligen Landeshauptmann
gerne ins Gesicht gesagt! Wenn er sich am Vorabend seines Todes in eine
andere Gesellschaft begeben hätte, würde er heute noch leben, aber er
hat nicht ahnen können, dass sein Sargnagel als Spazierstock mit einem
solargebräunten, abgegriffenen Bull-Terrier-Hundekopf am Knauf neben
ihm allzu lange als Speichellecker daherstolziert ist.

Ihr
Kärntner Filialleiter hat bis heute – es sind fast schon zwei Monate
her – mit keinem Satz auf meine Vorwürfe reagiert, er ist nicht und
nicht imstande zu begründen, warum diesem Steuerberater für seine
zweimonatige Arbeit 6 Millionen Euro aus Landesvermögen auch
tatsächlich zustehen. Auch der Nachfolger des verstorbenen
Ministerpräsidenten, der sich kadavergehorsamst einen Sargnagel seines
Hochverehrten in die politische Zunge hat piercen lassen, die ihm seit
dem Kärntner Staatsbegräbnis so schwer im Mund liegt, hat dazu
ebenfalls bis heute geschwiegen.

Pappenstiel

In
diesem Land sind sechs Millionen Euro (88 Millionen Schilling) offenbar
ein Pappenstiel, über den man erst gar nicht zu reden braucht. Die
noblen Spender igeln sich ins Sommerloch ein und wollen es aussitzen,
aber Gold schmilzt nicht so schnell und auch nicht so leicht. Für 6
Millionen Euro bekommt man hübsche 280 Kilogramm reines Gold. Wie ich
gehört habe, hat der Steuerberater bereits 4,5 Millionen Euro
eingesackelt, der Rest von 1,5 Millionen soll ihm zu Weihnachten
überwiesen werden.

Wenn das der Fall sein sollte, dann kann der
Villacher Weihnachtsmann seinen Enkelkindern ein 280 Kilo schweres
goldenes Schaukelpferd mit den Namen „Cäsar“ – so hieß Jörg Haiders
Schaukelpferd aus seinen Kindertagen – wunderschön bescheren, mit
Sternspritzern, Lametta und Engelshaar verzieren, und alle können dann
gemeinsam über die Villacher Draubrücke reiten in der Stillen und
Heiligen Nacht bei leichtem Schneefall, der die Idylle noch ein wenig
verstärken soll. Und die ebenfalls vergoldeten Pferdezügel könnte dann
der Schutzengel mit dem Spitznamen „Lourdes-Mitzi“ führen.

Wohl
nicht mehr der für alle Zeiten bei Karl May verlorengegangene Schatz im
Silbersee – auch Winnetou und Old Shatterhand haben ihn nicht retten
können -, wohl aber der unter der Villacher Draubrücke verborgene
Goldschatz wäre doch noch zu heben und vielleicht auch zu haben. Der
Bundesrechnungshof könnte doch nach dem Rechten und nach dem Linken
Goldbarren schauen, denke ich. Hätten Sie, sehr geehrter Herr
Bundesfinanzminister, der Sie sich täglich den Kopf zerbrechen und
überlegen müssen, wie Sie zu Geld kommen für das Wohl der Bevölkerung,
nicht lieber 280 Kilogramm pures Gold in einem Safe in der Nationalbank
in Wien?

Ist für Sie, wenn ich Sie fragen darf, der röm.-kath.
Parteiführer der Kärntner ÖVP, Josef Martinz, noch politisch tragbar,
der einen guten Bekannten mit Landesgeldern zum Multimillionär gemacht
hat und die Bevölkerung dieses Landes, die Kinder und Jugendlichen,
durch die Finger hat schauen lassen?

Klodeckel

Vom
Dritten Nationalratspräsidenten, den vor allem auch Ihre Abgeordneten
in eines der höchsten politischen Ämter gehoben haben, die diese
Republik zu vergeben hat, können Sie sich offenbar auch schwer trennen.
Zu dieser Person fällt mir übrigens ein Satz des französischen Dichters
René Char ein, den er im Krieg geschrieben hat: „Es gibt eine Art
Menschen, die stets den eigenen Exkrementen voraus sind!“ Und über
jeden Verdacht erhaben ist der Klodeckel. Hut ab! vor dem Dritten
Nationalratspräsidenten der Republik Österreich.

Und bei meinen
Auslandsreisen, bei meinen Lesungen, werde ich oft auf diesen
Nationalratspräsidenten angesprochen, häufig mit den Worten: „Was ist
denn los in Österreich!“ Im vergangenen November hat mir in Paris ein
kanadischer Schriftsteller indischer Abstammung mitgeteilt, dass er in
diesem Jahr nach Salzburg fahren werde und mich gleichzeitig gefragt,
ob er denn, ohne Angst haben zu müssen, mit dem Zug auch durch das
übrige Österreich reisen und das Land anschauen könne!

Keine Stadtbibliothek in Klagenfurt

Die
Landeshauptstadt Klagenfurt hat, wie gesagt, nicht einmal eine eigene
Stadtbibliothek, die Jugendarbeitslosigkeit ist höchst beunruhigend,
jeder zweite, nicht mehr in die Schule gehende Jugendliche soll in
Kärnten arbeitslos sein. Wo soll denn diese Perspektivelosigkeit viele
junge Menschen hinführen? In die Armut, in Verzweiflung, Einsamkeit,
Drogen, Gewalt? Dabei ist und war offensichtlich Geld in Hülle und
Fülle vorhanden: Ihr Filialleiter schmeißt 6 Millionen Euro durch die
Gegend. In Klagenfurt, in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern, haben
größenwahnsinnige Politiker für drei Fußballspiele, für viereinhalb
Stunden Fußball, die drei Spiele der Europameisterschaft 2008, ein
Stadion mit 30.000 Sitzplätzen bauen lassen, das 70 Millionen Euro,
also eine Milliarde Schilling gekostet hat. Das wäre genauso, wie wenn
man in der Zwei-Millionen-Stadt Wien ein Stadion mit 700.000
Sitzplätzen bauen würde.

Das Kärntner Staatsbegräbnis im
vergangenen Oktober hat die Landtagsparteien so erschöpft, dass sie
gemeinsam im Laufe dieses nun bald zu Ende gehenden Trauerjahres nicht
viel mehr zustande gebracht haben, als in einer Nacht-und-Nebel-Aktion
sich selbst für diese Legislaturperiode bis 2014 Steuergelder in der
Höhe von 60 Millionen Euro, also fast einer Milliarde Schilling, zu
genehmigen.

Alle haben dabei mitgemacht, das BZÖ, die ÖVP, die
SPÖ und die Grünen auch noch. Also wirklich alle, alle hat er sie
eingeseift, der verstorbene Ministerpräsident, noch vor seinem Ableben.
Und wissen Sie, Herr Vizekanzler, wie sie das angestellt haben, das
muss man sich auch erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, diese
Zart-bitter-Schokolade: Die Beschlussfassung dieser Parteienförderung
in der Höhe von 60 Millionen Euro fand am 28. Mai 2008 im Landtag in
Klagenfurt gegen 20.30 Uhr statt, nachdem eine gute Viertelstunde
davor, um 20.15 Uhr, der letzte Journalist und auch der
Rechnungshofpräsident den Saal verlassen hatten. Damit es keiner mehr
mitkriegt natürlich, was denn sonst! Das ist auch eine Art von
Parlamentsbeugung!

Über Kärnten

Mein Onkel
Hermann, der ein Nazi und in unglücklicher Kriegsgefangenschaft in
Italien war, sagte einmal zu mir: „Seppl! Weißt, was ich dir sag?! Die
Italiener gehören alle mit einer Schubraupe bis zum Stiefel
hinuntergeschoben!“ Ähnliche Ausdrücke und Bilder habe ich von
politisch redlichen, über dieses Land und deren Politik verzweifelnden,
in Wien lebenden Menschen auch schon über Kärnten gehört.

Mich
hat man im In- und im Ausland schon oft gefragt, warum ich denn hier
überhaupt noch wohne in Klagenfurt, in Kärnten. Ich halte es mit
Herbert Achternbusch, der über Bayern gesagt hat: „Diese Gegend hat
mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das ansieht!“

Wenn
auch Sie, sehr geehrter Herr Vizekanzler und Bundesfinanzminister, zu
diesen 6 Millionen Euro (88 Millionen Schilling), die Ihr Filialleiter
von der Kärntner ÖVP aus Landesvermögen in einer souveränen
christlichen und sozialen Geste an eine Person für ihre zweimonatige
Arbeit vermacht hat, nichts sagen wollen, dann werde ich den
Landeshauptmann von Niederösterreich, den zukünftigen
Bundespräsidentschaftskandidaten, Ihren lieben Onkel Erwin, fragen, ob
er denn mit mir für vierzehn Tage in Klagenfurt auf dem Lindwurmplatz
in den Hungerstreik tritt, damit wir endlich eine eigene
Stadtbibliothek bekommen und sich die Kinder und Jugendlichen dieser
Stadt auch endlich sein Lieblingsbuch, nämlich den Schatz im Silbersee,
ausborgen können.

Denken Sie daran, Herr Vizekanzler, ich war
schon neunmal in Indien, und ich habe dort aus Krankheitsgründen schon
einmal zehn Tage nichts essen können, aber Ihr Onkel Erwin …? Ich
weiß nicht, wie er das alles aushalten und durchstehen soll?! (DER
STANDARD, Printausgabe, 14.8.2009)

Zur Person

Der Kärntner Autor, Staatspreis- und Georg-Büchner-Preis-Träger Josef Winkler lebt in Klagenfurt.

Info

Am
Samstag, 15. August, wird in Klagenfurt Michael Pfeifenbergers Film
über Josef Winkler, „Der Kinoleinwandgeher“, im Burghof, open air, um
20.30 Uhr uraufgeführt. Vor dem Film liest Josef Winkler aus seinen
Büchern. Im Oktober läuft der Film in Klagenfurt und im November im
Stadtkino in Wien an.

Die Bachmann-Rede „Der Katzensilberkranz in
der Henselstraße“ erschien bei Suhrkamp im Druck. Die 1. Auflage ist
vergriffen. Eine 2. Auflage ist in Vorbereitung.


Josef Winkler geriet bei Filmpremiere in Rage
Kleine Zeitung 16.08.2009

Josef
Winkler hat die Premiere seines Filmporträts dazu genutzt, abermals
lautstarke Kritik an den politischen Verhältnissen zu üben. So gerieten
Samstagabend in Klagenfurt neben den Kärntner Zuständen auch der Dritte
Nationalratspräsident Martin Graf (F) sowie jene Polizisten, die auf
zwei jugendliche mutmaßliche Einbrecher in Krems geschossen haben
sollen, ins Visier des Autors.

Ausgehend von einer Kindheitserinnerung – es war kein Geld für
Bücher vorhanden – geriet Winkler wie bei seiner Eröffnungsrede zum
Bachmannpreis in Rage: „Man darf nicht vergessen, dass die Stadt
Klagenfurt seit vier Jahrzehnten kein Geld für Bücher hat“, erinnerte
er an das Fehlen einer Stadtbibliothek. Dies sei einzigartig in Europa,
zumindest der Bund könnte diesen Missstand beheben. Winklers Appell:
Sollten die kritisierten Zustände in Kärnten andauern, sollten die
Unzufriedenen auf die Straße gehen: „Wir wollen diesen Terror nicht
mehr.“ Und passt es den Verantwortlichen nicht, „dann sollen sie
abhauen. Dann sollen sie sich einen Hubschrauber buchen“, so Winkler.
„Es kommt bestimmt Besseres nach.“

Dass die Provinz nicht in Kärnten endet, untermauerte der Autor mit
zwei weiteren Beispielen aus dem Tagesgeschehen. Etwa dem, was „vor
zehn Tagen im Land des Erwin P.“ geschehen sei, wo ein Polizist einen
jugendlichen Supermarkt-Einbrecher in den Rücken geschossen haben soll.
Und auch, dass Politiker anderer Fraktionen den Freiheitlichen Dritten
Nationalratspräsidenten Graf – für Winkler ein „unglaublicher Kerl“ –
nichts entgegenzusetzen hätten, ist für den Autor, der auch außerhalb
Österreichs darauf angesprochen wird, unverständlich – „und ich Idiot
kann das Land dann verteidigen“.

Aber nicht nur Winklers Aussagen, auch das Filmporträt „Der
Kinoleinwandgeher“ von Regisseur Michael Pfeifenberger, wurde kräftig
bejubelt.


Josef Winkler rügt bei Filmpremiere politische Verhältnisse

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