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Haiders Nachgeburten

Haiders Nachgeburten
VON GÜNTER TRAXLER | 23. Dezember 2010, 17:10
Wenn die banale Realität der bittersten Satire jede Pointe vorwegnimmt, kann man sicher sein, im Reich von Jörg Haiders Nachgeburten zu wandeln, wo der Hilfeschrei des autochthonen Leistungsträgers „Wos woar mei Leistung?“ weniger späten Selbstzweifel an derselben markiert als die Verblüffung darüber, dass man sie für ein paar hunderttausend Euro auch erbringen sollte. Wo die Justiz darauf setzt, dass die Dunkelmänner freundlicherweise schon selber Licht ins Dunkel ihres Betrugs an der Republik bringen werden, um ihr das Einschreiten wegen Verdunkelungsgefahr nur ja zu ersparen. Aber wenn es dann geschehen ist, lässt sich die Justizministerin, bekannt als eine Feindin übertriebener Neugier in Bezug auf die Supersauberkeit eines ehemaligen Finanzministers, mir nix, dir nix die Akten bringen, um nicht als Einzige dazustehen, die sich kein Urteil bilden kann, wo eben bewiesen wurde, dass ihr Derartiges im Fall Bawag grandios gelungen ist.
Es ist das Reich, wo der Chef einer Partei, die ihren Umstieg von „Juden raus“ auf „Daham statt Islam“ noch nicht zur Zufriedenheit aller ihrer Flügel verkraftet hat, zu einem Entnazifierungsspagat in Yad Vashem antritt, bei dem er der Opfer des Nationalsozialismus auf seine Weise gedenkt, nämlich mit einem Trachtenstück als Kopfbedeckung, das aus Beständen einer Tradition stammt, deren Träger mit der Einführung des Arierparagrafen früh geistig das vorbereiteten, was im Holocaust endete. Wenn Strache sich in Israel unter seinem Biertönnchen persönlich zum Affen macht, fügt sich das trefflich in seine Biografie als Paintballspieler. Aber er hatte seine Vandalen-Kippa kaum zufällig bei sich, als er die Gedenkstätte betrat. Was er setzte, als er sie aufsetzte, war eine bewusste und – macht man sich den Vorgang bewusst – in ihrem Zynismus monströse Verhöhnung der Millionen Toten, gedacht als Signal an jene Rechtsextremen, denen sich Straches FPÖ trotz aller gegenteiligen Beteuerungen als Wirtskörper zur Verfügung stellt. Mitbedacht, dass ein Redakteur des einschlägigen Zentralorgans die Botschaft via Fernsehen auch pünktlich nach Daham übermitteln werde, wo man sich dann mit Goebbels“scher Chuzpe noch immer auf den Burschenschafter Theodor Herzl berufen kann.
Ein Jahrzehnt ist es her, dass die koalitionäre Zähmung dessen ausgerufen wurde, dem wir die diversen Nachgeburten seines Geistes zwischen Wien und Kärnten verdanken. Das Misslingen dieses auf Lüge gebauten Experiments wurde rasch offenbar. Mit einigen der Spätfolgen beschäftigt sich nun eine zögerliche Justiz, die politische Verantwortung für all das wurde mehr vertuscht als aufgearbeitet. Heute braucht Strache kein Haider zu sein, um es auf denselben Zulauf zu bringen, und fast wäre der begnadete Privatisierer Grasser Führungsfigur der ÖVP. Fast schade, dass nichts daraus geworden ist. Mit ihm und seiner Supersauberkeit wäre Strache längst gezähmt, ganz im Geiste Wolfgang Schüssels. Wie hätte der als Regierungschef damals auch nur das Geringste von einem Buwog-Deal ahnen können, wenn selbst sein Finanzminister – auch erst nach Jahren – nur raten kann: „Da würd“ ich halt ein bisschen eine Recherche machen.“
(Günter Traxler, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 24.12.2010) © derStandard.at GmbH 2010
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