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Gerhard Pilgram zur Eröffnung des raj


Guten Abend, man hat mich gebeten, eine Eröffnungsansprache zu halten, und ich habe unter der Bedingung eingewilligt, dass ich am Getränke-Umsatz dieses Abends beteiligt werde. Als Gegenleistung liefere ich Ihnen ein paar Argumente, warum Sie sich heute hemmungslos betrinken dürfen.
Irgendwelche Gründe, Alkohol zu konsumieren, finden sich natürlich immer. In Kärnten – unter den bestehenden politischen Verhältnissen – gibt es eigentlich keinen Grund, sich nicht zu betrinken. Ausgenommen vielleicht die gesundheitlichen Nebenwirkungen, aber die lassen sich bei qualitätsbewusstem Konsum in Grenzen halten. Raimund Spöck hat versprochen, im RAJ für ein entsprechendes Angebot zu sorgen. Nehmen wir ihn beim Wort und machen wir die Probe aufs Exempel. Prost!
Guten Wein und anständiges Bier bekommt allerdings auch anderswo. Man kann ja kaum behaupten, dass es in Klagenfurt einen Mangel an Gaststätten gäbe. Aber, Hand aufs Herz, wer möchte bei einem Pumpe, wo die Gäste bei der Fernsehübertragung des Haider-Begräbnisses mit dem Krügerl in der Hand das Vaterunser beten, ein Bier bestellen? Wer möchte im Café Roberts angepöbelt werden, weil ihm ein slowenisches Wort über die Lippen gekommen ist? Und wem schmeckt der beste Tropfen im 151er, wenn man dort ständig das Gefühl hat, von BZÖ-Wählern umzingelt zu sein? (Wo hat man das eigentlich nicht?)
Es kommt also nicht nur darauf an, was man trinkt, sondern vor allem, wo und mit wem man es tut. Kneipen, in denen ein oppositioneller – oder sagen wir es ruhig: – antifaschistischer Grundkonsens herrscht, sind in Klagenfurt äußerst rar gesät. Und sie werden immer rarer. Der alte Bierjokl/pri Joklnu, die Rote Lasche, das Geist, das OM, das waren Orte, wo man ohne Verabredung hingehen und sich ziemlich sicher sein konnte, Leute zu treffen, mit denen man nicht über die Freiheit der Kunst, den Wert der Zweisprachigkeit und andere Selbstverständlichkeiten streiten musste. Es waren gewissermaßen befreite Gebiete, von denen es in Kärnten viel zu wenige gibt. Trinken wir daher auf die Pioniere dieser Gastronomie, trinken wir auf Franz Marenits und Sepp Brugger, und stoßen wir auf Franz Dreier und Viktor Rogy, die Unvergessenen, an. Na s­travje! Einer der letzten und wichtigsten Stützpunkte dieser Art war das CIK, ein Widerstandnest zwischen 1999 und 2007, bis der Kunstverein Kärnten aus provinziellem Standesdünkel und wohl auch politischem Opportunismus den Vertrag mit Raimund Spöck aufkündigte. An dieser Stelle sollte vielleicht daran erinnert werden, dass Raimund immer konsequent und öffentlich gegen die fremdenfeindliche und deutschnationale Kulturpolitik Haiders und seiner Nachfolger aufgetreten ist und damit als Unternehmer Kopf und Kragen riskiert hat. Dass jemand, der sich in Kärnten politisch so weit aus dem Fenster lehnt, nicht längst ruiniert ist, muß als kleines Wunder bezeichnet werden. Es ist daher nur recht und billig, dass wir die durch Zivilcourage entgangen Umsätze durch vermehrten Konsum ein wenig wett zu machen versuchen. Auf dass das RAJ möglichst lange Bestand habe und uns immer ein guter Zufluchtsort sei – zum Wohl!
Womit wir wieder beim Thema wären. Und bei der Frage, ob es ein politisch korrektes Sich-Betrinken gibt. Wettsaufen, wie es die
Burschenschaftler praktizieren, oder pubertäres Koma-Trinken ist ja wohl nicht das, was uns vorschwebt. Und wenn man sich die machtbesoffenen BZÖler vor Augen hält, müsste man eigentlich für die Prohibition eintreten. Andererseits wirkt Alkohol gerade in diesen Kreisen manchmal segensreich, wie es etwa in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 2008 der Fall war. (Darauf zu trinken, wollen wir uns verkneifen.)
Wie aber verträgt sich Alkohol mit unsereins?
Schon die ersten Sozialisten wussten um seine zersetzende Wirkung und rieten der Arbeiterklasse zur Abstinenz – ohne großen Erfolg, wie wir wissen. Die Sowjetunion ist ja nicht zuletzt am Wodka zugrunde gegangen (worüber man nicht unbedingt traurig sein muß). Auch die These Franz Josef Degenhardts, dass Weintrinker – verglichen mit den Schnaps- und Biersäufern – die besseren Menschen seien, hält der Realität kaum stand. Sie wurde in den letzten Jahren von den Bürgermeistern und Stadträten Klagenfurts eindrucksvoll wiederlegt. Kaum eine Stadt, die unter den Folgen des Weißen-Spritzer-Missbrauchs durch Politiker mehr zu leiden hat, als diese.
Machen wir uns also nichts vor: Trinken macht niemanden klüger, es macht uns bestenfalls vorübergehend glücklich und es trägt nicht zur
Verbesserung der Lage bei. Alkohol ist kein revolutionärer Kampfstoff, sondern lediglich ein Schmerz- und Betäubungsmittel. Unter bestimmten Umständen ist Schmerztherapie aber durchaus legitim. Wie man den geschundenen bolivianischen Minenarbeitern das Kauen von Kokablättern zugesteht, sollten auch wir uns von Zeit zu Zeit betäuben dürfen. In nüchternem Zustand lässt sich Kärnten nämlich kaum ertragen.
Was wäre die Alternative? Pure Verzweiflung, kollektiver Trübsinn, vielleicht sogar Selbstmord. Trinken dient unter den gegebenen Umständen der Selbsterhaltung. Trinken wir, um zu überleben.
Nun weiß man, dass Schmerzmittel nur im Notfall und jedenfalls nicht ständig eingenommen werden sollen. In Kärnten – und das ist die gute Nachricht – wird dieser Notfall noch ein bisschen dauern. Mindestens zehn bis fünfzehn Jahre, schätze ich, weil keine politische Kraft in Sicht ist, die der Herrschaft von Dummheit, Niedertracht und Gier ein Ende machen könnte. Betäuben wir also unseren Kummer über den Verlust der Illussion einer Besserung der Verhältnisse in diesem Land. Trinken wir, um für ein paar Stunden zu vergessen, dass Kärnten von Rechtsextremen regiert wird und die Mehrheit der Wähler das entweder nicht bemerkt oder damit sowieso kein Problem hat.
Zechen wir bis zum St. Nimmerleinstag, an dem die Kärntner einen Slowenen zum Landeshauptmann gewählt haben werden. Trösten wir uns mit ein paar Achtel über unsere Ohnmacht und den Mangel an Überzeugungskraft hinweg. Ertränken wir unseren Groll auf alle Mitläufer, die mit den orangen Finsterlingen ihre Geschäfte machen. Begießen wir unsere eigene Unbeugsamkeit bis zum Umfallen.
Lassen wir uns volllaufen, bis uns die Tränen so hochprozentig aus den Augen fließen, dass sie als Schnaps wiederverwertet werden können. Kübeln wir bis zum Erbrechen – schlecht ist uns sowieso.
Bechern wir. Tschechern wir.
Und schütten wir uns zu.

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