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GAUCK

Gerhard Rein, im Juli 2010

Lieber Joachim Gauck,

als Ihnen im November letzten Jahres in München der Geschwister-Scholl-Preis verliehen
wurde, und Ihr Laudator Peter Schneider Sie als Widerstandskämpfer in der DDR und also in
die Nähe des gefährlichen Widerstands der Geschwister Scholl rückte, da war ich doch
ziemlich erschrocken und fragte mich, ob wir unsere wirklichen Helden mit solchen
Vergleichen nicht bedrohlich verramschen.
Als ich dann zwei Monate später hörte, Ihnen würde nun auch noch der Börne-Preis
verliehen, habe ich Michael Naumann einen Brief geschrieben:
„Sehr geehrter Herr Dr. Naumann,
Sie haben bestimmt, dass Joachim Gauck den Börne-Preis 2011 erhält. Nun wird
Herr Gauck seit Jahren und Monaten mit Preisen ausgezeichnet. Sie bewegen sich mit Ihrer
Wahl auf einer sehr breiten, ausgefahrenen Bahn.
Was meine Kritik herausfordert ist allein die Begründung für Ihre Entscheidung.
Sie schreiben: „Gauck repräsentiere den freiheitlichen Geist all jener in der ehemaligen DDR,
die dem repressiven Staat durch politisches Engagement ein Ende bereiteten“.
Nun, zur politischen Opposition in der DDR hat Gauck nicht gezählt. In den system-kritischen
Friedens- und Umweltgruppen im Umfeld der Evangelischen Kirchen trat er nicht in
Erscheinung. Im Netzwerk der Oppositionsgruppen war er nicht vertreten.
An der Oekumenischen Versammlung, die 1988 und 1989 die wichtigsten Freiheitstexte
gegen die SED und ihre Politik veröffentlichte, hat Gauck nicht teilgenommen.
Es gibt keinen Text von Joachim Gauck, der in der DDR von Hand zu Hand gereicht wurde.
In den Publikationen, die in der DDR von kritischen Gruppen illegal herausgegeben wurden,
taucht der Name Gauck als Verfasser nicht auf.
Joachim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Rostock dem „Neuen Forum“ angeschlossen.
Vorher ist ein politisches Engagement gegen den repressiven Staat nicht auszumachen.
Im Kontext der Oppositions-Geschichte der DDR ist Joachim Gauck ein Bürgerrechtler der
letzten Stunde. Ihn als Repräsentanten all jener auszuzeichnen, die den freiheitlichen Geist
gegen das System aufrecht gehalten haben, ist eine grobe Überzeichnung seines Lebensweges.
Gaucks Talente und Verdienste haben sich nach der deutschen Einheit auf ziemlich
eindrucksvolle Weise gezeigt. Vorher, zu Zeiten der DDR, war davon nichts zu hören und
zu ahnen.
Nehmen Sie herzliche Grüße von
Ihrem G.R.“
Michael Naumanns Anwort bestand aus vier freundlichen Zeilen. Er interpretiere die
Biografie Joachim Gaucks anders als ich.
Nun muß ich aber erklären, warum ich Ihnen heute überhaupt schreibe. Den letzten Anstoß
dazu gab ein Bericht über Ihre Rede auf dem Pfarrertag der evangelischen Kirche in Hessen
und Nassau. Nachzulesen in der kirchlichen Sonntagszeitung vom 26.Juni 2011. Vielleicht
kann ich gar nicht deutlich genug machen, warum mich dieser Bericht so erregt hat. Vielleicht
liegt es daran, dass die Zitate aus Ihrer Rede mich in einer Weise herausfordern, die mit mir
und meinem Selbstverständnis als Bürger aus der alten, westlichen Bundesrepublik zu tun
haben.
Ich will das an kleinen Beispielen erläutern:
Sie polemisieren, wie Sie das ja schon bei Ihrer Dankesrede zum Börne-Preis getan haben,
gegen Margot Käßmann. Sie können davon ausgehen, daß ich kein Käßmann-Fan bin und
auch keiner mehr werde. Aber Käßmanns Satz: Nichts ist gut in Afghanistan, ist ein Epochen-
Satz, der bleiben wird. Nun lese ich „Natürlich kann man sagen, es sei nicht alles gut in
Afghanistan. Aber wo ist denn schon alles gut? In Frankfurt hier? In Preungesheim?“
( So das Zitat aus Ihrer Pfarrer-Tags-Rede). Sie vergleichen die Situation eines Krieges in
Afghanistan mit sozialen Spannungen in Frankfurt und Preungesheim. Das ist intellektuell so
dürftig ( aber ich will ja freundlich sein, also sagen wir), das ist intellektuell so übersichtlich,
dass ich nur den Kopf schütteln kann.
Vom Kirchentag in Dresden habe ich im Fernsehen zwei Berichte gesehen. In beiden
gab es einen Ausschnitt aus Ihrem Vortrag dort. Sie verneigen sich nach dem langen
Beifall vor dem Publikum. Was denken Sie, wie die Menschen, die Ihnen da applaudiert
haben, wohl reagieren, wenn sie lesen, mit welchem Spott Joachim Gauck über sie herzieht.
„Die Protestanten wähnen sich dann in der Mitte der Gesellschaft, wenn sie ihre
Klageliturgien anstimmen können…Gutmenschliche Glaubenssicherheit, die von altlinker
Ideologie angesteckt wird.“ Nach der artigen Verneigung folgt die Verhöhnung.
Eine bemerkenswerte Haltung des früheren Rostocker Kirchentagspastors.
Die von altlinker Ideologie angesteckten Protestanten. Das kann nicht Ihr Ernst sein. Von
wem sprechen Sie? Meinen Sie die Dresdner Kirchentags-Redner Wulff, Merkel, de Maiziere,
Schäuble, Gauck bei ihrem Schaulaufen um die Gunst der Zuhörer? Wenn Sie von altlinker
Ideologie jammern, vermute ich bei Ihnen dahinter immer wieder ein Bild der alten
Bundesrepublik, das voller Klischees, voller historischer Unkenntnis, voller Unterstellungen
ist und von Denunziationen nicht weit entfernt. Vielleicht wissen Sie, dass ich zwanzig Jahre
lang immer wieder bei Kirchentagen mitgearbeitet habe. Seine Entwicklung bedaure ich. Er
will nichts mehr, er ist unpolitisch geworden, beliebig und so nett.
Und die aktuelle Kirchentagspräsidentin ist ein beredter Ausdruck von Nettigkeit. Sie aber
räsonieren über altlinke Ideologie. Ihre Sicht hat mit der Wirklichkeit der Bundesrepublik
heute nichts zu tun. Sie überziehen sie mit Feindbildern aus längst vergangenen Jahren. Sie
klagen über die Linkslastigkeit der Kirchentage und über die südhessischen Gutmenschen.
„Es ist etwas anderes, ob man im Kommunismus lebt, oder ob man in Hessen-Süd darüber
redet.“. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich über solche Sätze nur lachen.
Es gab in der württembergischen Synode einmal eine Phase, in der die konservativen Pietisten
aus dem heiligen Korntal laut aufheulten, wenn von Bad Boll die Rede war.
Ganz gleich, ob die Evangelische Akademie dort über Hilfe für Nicaragua,
Gottesdienstformen, Lebensführungen von Pfarren oder Wanderungen auf der Alb
debattierte. Die Nennung der Worte Bad Boll reichte aus für größere Empörung.
So benutzen Sie die Vokabel Hessen-Süd. Um Gottes Willen: Hessen-Süd. Ein Schauer an
Bildern: Vorhölle, Umsturz, Systemwechsel rasen den Rücken entlang.
Nur, Hessen-Süd ist schon weit mehr als zehn Jahren nicht einmal mehr rot.
Aber woher sollen Sie das wissen?
Sie bleiben lieber bei Ihrem 68er- bashing und schwärmen von der Freiheit, die Sie in
Rostock als Schönheit in der Ferne wahrgenommen haben und müssen hier nun leider
feststellen, dass wir uns nicht erlauben, Dankbarkeit zu zeigen für 60 Jahre Wohlsein.
Wem, um Gottes Willen, sollen wir dankbar sein? Ich bin an der Weichsel geboren und als
Flüchtlingskind in und um Bremen aufgewachsen.
Eine Dankbarkeit bleibt für immer: Vor allem gegenüber den USA, die uns 1945 befreit und
uns ermöglicht haben, eine tolerante, freie Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit und Liberalität zu
lernen. Wir lernen immer noch.
Das 60 Jahre Wohlsein ist nicht vom Himmel gefallen. Die Schönheit aus der Nähe ist
erstritten worden. Da ich doch geprägt bin von meiner Sozialisation in der evangelische
Kirche, hat der von Paul Tillich geprägte Begriff: Protestantismus als Kritik und Gestaltung
für mich nach wie vor seine Bedeutung. Ich will der Versuchung nicht nachgeben, den
mecklenburgischen Theologen über prophetische Kritik aufzuklären, nur so viel:
An unserem Wohlsein hat der Protest gegen die restaurativen Tendenzen der Adenauer-Zeit,
die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg meiner gelie
bten USA, die Ostdenkschrift
der Evangelischen Kirche, die Sitzblockaden gegen die Raketen an den Zäunen in Mutlangen,
die Öffnung zur oekumenischen Bewegung als Welt-Erfahrung und Überwindung der
deutschen Provinz, der Boykott gegen das Apartheid-Sytem, die Anti-Atomkraft-Bewegung,
das immer noch scheiternde Bemühen, die Armut in der Welt zu mindern wesentlichen
Anteil. Unser Wohlsein ist ohne Kritik und Gestaltung nicht zu haben. Die wunderbaren Jahre
sind ohne Kritik am Bestehenden keine wunderbaren Jahre. Und es bleibt eine Sehnsucht
nach Gerechtigkeit und eine Sehnsucht, die über das hinausweist, was ist und sich nicht nur
den Tatsachen anpaßt.
Herzlich,
Ihr Gerhard Rein

PS. Jean Ziegler ist als Eröffnungsredner der diesjährigen Salzburger Festspiele offiziell ein und
dann wieder offiziell ausgeladen worden. Die Gründe dafür sind undeutlich. Sie haben
Ziegler ersetzt. Vor vielen Jahren erhielt Papst Johannes Paul II. einen Bambi. Die offizielle
Begründung für die Preisverleihung lautete, man danke dem Papst für seine Verfügbarkeit.
Wenn Sie ihn nicht schon längst haben, bin ich mir sicher, dass Sie auch bald einen Bambi
verliehen bekommen.
Und noch dies: In jeder der letzten Reden, die ich von Ihnen wahrgenommen habe,
beschreiben Sie sich als einen „linken, liberalen Konservativen“. Dass ich diese
Selbstwahrnehmung nicht nur als eitel, selbstverliebt und unernst empfinde, hat auch damit zu
tun, dass ich in Ihren Reden rechte Sprachmuster erkenne, die mich besorgt machen.
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