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"Die arabische Welt ist für Demokratie nicht bereit!"

(Kleine Zeitung, 13.11.2012, Politik)

INTERVIEW

„Die arabische Welt ist für Demokratie nicht bereit!

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal über Islamismus und Europas verlorene Glaubwürdigkeit.

Boualem Sansal: „Angst ist Teil unseres Lebens“ KK

Sie prangern das Blutvergießen und den
Machtmissbrauch von Politik, Militär und Islamisten in Algerien an.
Obwohl Sie sich damit in Lebensgefahr bringen, verweigern Sie den Gang
ins Exil. Wie gehen Sie mit der Angst um?

BOUALEM SANSAL: Angst ist Teil unseres Lebens.
Man sollte nicht zu viel darüber nachdenken. Sobald man den Rubikon
überschritten hat, gibt es kein Zurück mehr, man muss weiterschreiten.
So lebe ich.

Sie haben Ländern wie Ägypten, Tunesien oder
Libyen nach dem Arabischen Frühling neue Diktaturen vorausgesagt. Haben
Sie Ihre Meinung geändert?

SANSAL: Keinen einzigen Moment lang habe ich an
den Arabischen Frühling geglaubt. Die muslimische arabische Welt ist in
einem engen Netz aus religiösen, kulturellen und politischen Zwängen
gefangen, das lässt sich nicht mit Straßenprotesten auflösen. Zudem muss
man sehen, dass die Leute zwar gegen die Diktatoren protestiert haben,
aber nicht wirklich für Demokratie. Nach Demokratie riefen die
Intellektuellen und einige moderne junge Leute. Die große Masse möchte
den Werten des Islam und der Tradition gemäß regiert werden. Von Marokko
bis nach Syrien haben Islamisten die Unterstützung der Bevölkerung. Die
muslimischen arabischen Gesellschaften sind nicht bereit für
Demokratie.

Wie sehen Sie die Rolle Europas in der aktuellen Situation?

SANSAL: Europa befindet sich intern in einer sehr
schwierigen Situation, es kann sich weder zu einer gemeinsamen
europäischen Außenpolitik noch Armee durchringen, seine Bedeutung auf
internationalem Parkett geht fast gegen null. Zugleich beherbergt Europa
in seinem Inneren große islamische Gemeinden, die es ablehnt und die
wiederum Europa ablehnen. Europa fürchtet, sich die Konflikte zu
importieren, die die arabische Welt plagen. Wie soll man zudem jetzt die
arabisch-islamischen Völker unterstützen, wenn man noch vor Kurzem zu
den Diktatoren hielt, die diese Völker unterdrückten? Europas
Glaubwürdigkeit ist schwer beschädigt. Wenn die Europäer helfen wollen,
sollten sie auf langfristige Aktionen setzen. Die Mittelmeer-Union wäre
sinnvoll – aber nur, wenn man eine Zusammenarbeit will, die nicht nur
die Regierungen, sondern auch die Zivilgesellschaft einbezieht.

INTERVIEW: NINA KOREN


Lesung Boualem Sansal, Mittwoch, 14.11., 19 Uhr, RAJ-Verein für Innenhofkultur, Badgasse, Klagenfurt

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